Liebe Myrmiko,

ich schreibe dir heute als ehemalige Direktorin der Vineta Schule und du batest mich für deinen wunderbaren Blog noch einmal nachzudenken über unsere Grundschule für Ameisen und Menschen.  Ich möchte mich dir, den Schülerinnen und Schülern, dem Lehrerkollegium und der Öffentlichkeit mit diesem Brief erkären.

Warum hat der Schulversuch stattgefunden?

Schulversuche gibt es viele. Sie zeigen dass auch die Erwachsenen und Lehrer immer wieder neu darüber entscheiden müssen was Schule ist und was gelehrt und gelernt werden soll und kann. Der weltweit erste Schulversuch für Ameisen und Menschen war in dieser Hinsicht allerdings etwas besonderes. Hier an dieser Schule haben für ein Jahr Menschen und Ameisen der Spezies Solenosis invicta forma gigantea, besser bekannt als Riesenfeuerameisen zusammen gelernt und gelebt.

Wie kam es zu diesem einzigartigen Modell der friedlichen Koexistenz? Nun wie so oft in der Geschichte und der Evolution lernen wir manchmal nur aus Katastrophen und Kriegen. Die aus Südamerika stammenden Feuerameisen haben im 20. Jahrhundert mit der Globalisierung den Nordamerikanischen Kontinent besiedelt und wurden in der Landwirtschaft der USA als wachsende Bedrohung und Problem wahrgenommen. Deshalb erklärten ihnen die staatlichen Behörden den Krieg. Es folgte eine jahrzehntelange Bekämpfung mit giftigen Chemikalien, die viele Insekten, Vögel und Säugetiere tötete, die Gesundheit der Menschen bedrohte, aber die Ausbreitung der Feuerameisen nicht aufhalten konnte. Parallel zu diesem Kampf gegen die Feuerameisen begann aber auch eine intensive Erforschung der aussergewöhnlichen Tiere. Im Rahmen der Erforschung wurde festgestellt, dass es viele Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Feuerameisen gibt: Sie leben in großen, staatsähnlichen Gemeinschaften mit hoher Spezialisierung, ausgereiften Kooperatioonen und produktiven Konkurrenzverhältnissen. Sie haben wie Menschen den Drang möglichst viele Lebensräume zu besiedeln und ihr Verhalten innerhalb der Gemeinschaften ist weitgehend friedlich, nach aussen aber kriegerisch geprägt. Sie bauen gerne Straßen für die schnellere Fortbewegung und überdachen diese sogar zum Schutz vor der Witterung usw. In der Folge tauchte zum ersten Mal der Gedanke eines gemeinsamen Zusammenlebens als Alternative zur offenen Feindschaft auf.

Ende der 90er Jahre besuchte ich in Virginia, USA eine konventionelle Schule im Feuerameisengebiet, die als eine der ersten keine Chemikalien mehr zur Abwehr der Ameisen im Schulgarten benutzte. Ich erlebte eine Versammlung von skeptischen und verängstigten Lehrern und Eltern und dabei kam mir eine Idee. Sind es nicht oft bei Konflikten die Kinder, die unvoreingenommen von ökonomischen Interessen und politischer Feindschaft auf andere zugehen? Warum nicht die Konkurrenz und Feindschaft mit einer Tierart mit Hilfe von Kindern in friedliche Koexistenz verwandeln? Dies war der Kerngedanke des Schulversuchs. Dieser erste Gedanke hat es mir ermöglicht, meine Liebe zu den Feuerameisen und meine Liebe zum Beruf der Lehrerin und Schulleiterin zu verbinden. Bis zum ersten Schulversuch lagen allerdings noch fast 15 Jahre Knochenarbeit und zahllose Gespräche mit Politikern, Biologen, Pädagogen, Eltern und Kindern die davon überzeugt werden mußten, das Wagnis einzugehen.

Was der Schulversuch war, darüber erzählts du, liebe Schülerin Myrmiko, in diesem wunderbaren Blog.

Schule ist immer ein Wagnis, weil die nächste Generation in jedem Fall etwas anders machen wird als die Älteren das planen und versuchen. In unserem Fall glaube ich, dass der Schulversuch gestoppt wurde, weil das Zusammenleben und Voneinander lernen unsere Kinder und der Nachkommen der Ameisenkönigin allzu gut gelungen ist. Hier in diesen Räumen wurde innerhalb eines Jahres gezeigt, dass eine gemeinsame Kultur und Lebensart mit einer anderen Spezies möglich ist. Die Entwicklung von AIKI (Ameisen Inspirierte Kulturelle Innovationen), wie zum Beispiel die von dem „Sozialmagen“ der Ameisen abgeschaute neue soziale Ernährung der Kinder, hatte das Potential die herkömmlichen schulischen Praktiken radikal zu verändern.Davor und vor den möglichen Konsequenzen haben die Verantwortlichen in den Behörden Angst bekommen und nach einem Weg gesucht den Schulversuch vorzeitig zu beenden.

Der sogenannte gewaltsame Tod der Ameise, der hier stattgefunden hat und in den Medien als Skandal und Auslöser für neue Konflikte dargestellt wurde, war in meinen Augen ein alltäglicher Vorgang, wie er in jeder Kolonie der Feuerameisen vorkommt ohne für Unruhe zu sorgen.

Vielleicht ist die Zeit einfach noch nicht reif für ein gleichberechtigtes Zusammenleben mit einer anderen Spezies. Trotzdem glaube ich, dass wir nicht gescheitert sind und davon legt vor allem dieser Blog Zeugnis ab. Dank an alle, die diese Pionierarbeit möglich gemacht haben. Besonderer Dank an dich Myrmiko – wenn die Zeit gekommen ist, werden die Pioniere der Annäherung gebührend gewürdigt werden, es sei denn unsere Spezies vernichtet sich vorher selbst. Hoffen wir es nicht, obwohl das für die Ökosysteme der Erde vielleicht wünschenswert wäre, wie auch immer, lesen Sie diese Texte und schauen sie sich diese Filme an!

Ihre Gerlinde Taubert-Schinkel (Direktorin a.D.)

 

Diretorin im Garten